Nazi Morde benennen (29.09.2018)

Redebeitrag bei der OEZ-Kundgebung in München

Heute sind wir hier, um einen der folgenreichsten, durch Nazis verübten Mordanschläge der vergangenen Jahre zu benennen.

Hier in München am Olympia Einkaufszentrum hat am 22. Juli 2016 der junge Nazi David Ali Sonboly ein Massaker verübt bei dem es neun Ermordete und viele Verletzte gab. Der Täter handelte aus Hass gegen Muslime und weil er an die Überlegenheit der arischen Rasse glaubte. Das Datum des Massakers war auf den fünften Jahrestag des durch Anders Breivik in Norwegen verübten Massakers gelegt. Sonboly verehrte Breivik. Keine deutsche Öffentlichkeit will bis heute genaueres darüber wissen.

Statt dessen wird debattiert ob es gute und schlechte Gründe gibt, ein Nazi zu sein.

Bis heute ist man sich in diesem Fall zum Beispiel nicht einig, ob ein Nazi ein psychisch Erkrankter sein kann oder ob ein psychisch Erkrankter politisch ernst zu nehmende Positionen vertreten kann. Man war sich auch nicht einig ob ein einzelner Nazi ein richtiger Nazi sein kann oder ob es nicht mindestens drei gemeinsam handelnde Nazis sein müssen, um glaubhaft von einer rechtsextremistischen Motivation sprechen zu können.

Im Abschlussbericht der Staatsanwaltschaft und des Landeskriminalamts wusste man schon im März 2017 wie das im Einzelnen funktioniert: Mobbende Jugendliche, die als “Angehörige südosteuropäischer Bevölkerungsgruppen” erkennbar sind, bringen isolierte Jugendliche dazu, sich wie Nazis auszudrücken oder zumindest deren Nähe zu suchen; Isolierte Jugendliche, die sich “ein irrationales Weltbid” schaffen und dabei eine Sprache sprechen wie gewöhnliche besorge Bürger, die sich abgehängt fühlen und deshalb auf bewährte rhetorische Mittel zurückgreifen, die andere Menschen mit Tieren, Ungeziefer, Viren und sonstigen Krankheitserregern vergleichen. Jedes deutsche Geschichtsbuch bietet hier Formulierungshilfe.

Der Umstand, dass ein Täter “wiederholt in psychiatrischer Behandlung” gewesen sei und viel Freizeit mit Computerspielen verbracht habe, verkompliziert in jedem Fall den Verdacht, er könne vorrangig durch Lektionen aus einem Buch zur deutschen Geschichte und den darin geschilderten Praktiken auf die Idee gekommen sein auf ausgewählte Menschen, die ihm nicht deutsch genug aussahen, zu schießen. Nein, Nazis sind keine Verrückten und keine Jugendlichen mit mangelnder Medienkompetenz. Es sei “nicht davon auszugehen, dass die Tat politisch motiviert war” heißt es im Abschlussbericht vom März 2017, auch wenn zu diesem Zeitpunkt bereits Details über eine langfristige Planung der Morde vorlagen.

Dieser Befund, das Sonboly nicht aus politischen Motiven handelte, ist dann bald hinterfragt worden als bekannt wurde, dass der er unter anderem Hitlers Geburtstag kannte, das Programm der AfD gelesen hatte und dass die Opfer mit Bedacht selektiert worden waren. Eine Sonderkommission und Gutachter wurden einberufen, Soziologen, Behördenmitarbeiter, Psychologen, Kriminologien und so weiter. Die Evidenz, dass beides zutreffen kann, dass es Nazis gibt, die schon mal mies behandelt worden sind, dass es Mobbing-Opfer gibt, die zu Nazis werden, oder dass es Nazis gibt, die gemobbt werden weil sie Nazis sind – die Anordnungsmöglichkeiten sind vielfältig – wurde zu einem unlösbaren Rätsel.

Die Sachlage ist bis heute nicht ganz geklärt. Zwei Jahre später ist immer noch nicht bekannt, ob Sonboly aus guten oder schlechten Gründen zum Nazi wurde. Der bayrische Innenminister Joachim Herrmann wird zitiert, er habe “eindeutig auch rassistisches Gedankengut zunehmend verinnerlicht”, habe aber “keine Tat wie die NSU-Morde” verübt.1 Diese Differenzierung verdeutlicht die Tragweite des Problems.

Während weitere Ermittlungsdaten zu Sonbolys Verbindungen zu anderen Nazis in den USA noch abgewartet werden, um die politische Aussage von neun Morden richtig einordnen zu können, wird uns erklärt, dass es einen Unterschied macht ob du von gut oder von schlecht organisierten Nazis ermordet wirst. Es wird uns erklärt, dass es einen Unterschied macht, ob Nazis Kontakte zu den deutschen Behörden pflegen, bevor sie dir eine Waffe an den Kopf halten, oder ob sie sich bloß in einschlägigen dunklen Onlineforen inhaltlich und logistisch austauschen.

Es wird uns erklärt, dass es einen Unterschied macht ob du von einem Nazi mit oder ohne psychiatrischer Vorgeschichte umgebracht wirst.

Der Vergleich des Falls Sonboly mit den Morden des NSU ist in den vergangenen zwei Jahren häufig bemüht worden. In beiden Fällen ist auf vergleichbare Weise reagiert worden. Es ging zunächst darum einen erweiterten Kreis von Mitwirkenden auszublenden.

Die Nachbereitung der Morde von 2016 hier in München lief nach altbewährten Muster. Es war von einem Einzeltäter die Rede, von Problemen in der Kindheit und –

zur Erleichterung vieler Deutscher – dass der Täter selber Ausländer gewesen war.

Dass der Täter Sonboly, auch nach eigenem Bekunden, ein Nazi war, störte da nicht weiter und wird bei Bedarf auf schlechte Einflüsse aus den USA oder Norwegen zurückgeführt, was ja dann auch keine weitere Auseinandersetzung mit einem spezifisch deutschen Problem erfordert. Der Täter hat seine Taten schlecht begründet, wenn man deutsche Maßstäbe zur Erkennung richtiger Nazis ansetzt.

Bei dem NSU war das nicht so einfach. Der NSU schuf Tatsachen, die wenig Interpretationsspielraum zuließen. Deshalb, nachdem die Morde von der Öffentlichkeit nicht mehr ignoriert werden konnten, also nachdem Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt tot waren und Beate Zschäpe verhaftet war, nachdem die Tatmotive geprüft und als glaubwürdig eingestuft wurden, unterzogen sich die deutschen Öffentlichkeiten verschiedenen Schuldabwehr-Rituale und gelobten in einigen Fällen Besserung. Die Kenntnis darüber, dass es neben den heute als Täter bekannten noch eine Menge anderer Täter gab, die entweder bei den Morden direkt mitgemacht oder anderweitig unterstützt haben kann deshalb heute offen ausgesprochen werden. Dass die Nazi-Mörder auch Unterstützung und direkte Mitbeteiligung an den Morden durch staatliche Stellen erhielten, etwa durch verschiedene Verfassungsschutz Organisationen, wird weder verschwiegen noch bestritten. Im Gegenteil, es wird begründet und zur Debatte gestellt. Ein guter Stoff für spannende Filme und kontroverse Theaterstücke. Ein Anknüpfungspunkt auch für deutsche Linke, die sich schon länger für mehr Ausgewogenheit in der Verfolgung der unterschiedlichen Extremismen einsetzen.

Hier gab es einen Plot zu entdecken, hier gab es dunkle Geheimnisse zu lüften, Zusammenhänge, die ans Licht gebracht werden wollten und hierfür Experten aus allen gesellschaftlichen Bereichen versammelten. So scheint in der Folge der NSU-Morde für viele das bedeutende Ereignis eher zu sein, das der Verfassungsschutz damit zu tun hatte, und nicht die Morde selber. Erst die Verwertbarkeit für die eigenen großen und kleinen Erzählungen weckte das öffentliche Interesse. Nazi-Morde werden erst dann skandalös, wenn irgendwelche Akteure im Hintergrund vermutet werden, die es zu entdecken gilt.

Was aber tun mit dem Fall eines jungen Nazis, der vollkommen transparent über seine Motive spricht; der in Deutschland ohne Schwierigkeiten politische und kulturelle Anknüpfungspunkte für seine Lust am Töten sucht und findet?

Die übliche antirassistische und antifaschistische Szene wartet vermutlich noch weitere Ermittlungsdaten ab. Zwischenzeitlich hilft sie den Deutschen dabei sich selbst als gute, demokratische Menschen zu feiern. Vielleicht handelt es sich bei Sonboly doch nur um einen medizinischen Fall. Vielleicht hat er seine Gründe, ein Nazi zu sein und neun Menschen zu ermorden, nicht gut genug begründet, um in die Ahnengalerie deutscher Mörder aufgenommen zu werden.

Täglich werden Angriffe und Anschläge von Nazis verübt. Die Täterinnen und Täter verstecken sich nicht. Sie geben nicht vor etwas anderes zu sein und etwas anderes zu tun wie schon ihre Großeltern und Urgroßeltern. Man kann es nachlesen, man kann es im Fernsehen und auf Youtube anschauen. Und es ist wahrscheinlich, dass es noch lange genauso weiterlaufen wird in diesem Land. Einige Tote werden in die offiziellen Statistiken zur rechten Gewalt aufgenommen werden, andere werden einfach so umgebracht worden sein.

Nach jedem Angriff, nach jedem Mord werden die Details für die deutsche Öffentlichkeit erst dann interessant, wenn es diese zu verstehen und zu begründen gilt. Erstaunliche Logiken und Argumentationstechniken sind entwickelt worden, um immer wieder zu erklären warum viele Nazis eigentlich keine Nazis sind oder warum einige Nazis gute Gründe haben, Nazis zu sein.

Das ist keine Imagepflege, wie sie noch in den 1990er Jahren betrieben wurde, als zugunsten einer Verbesserung des Deutschlandbildes bei den Nachbarn und bei sich selber, Berichte über täglich stattfindende Angriffe durch Nazis allmählich aus den Titel- und Schlagzeilen verschwanden. Heute verhält es sich so, dass gar nicht geschwiegen werden muss, weil das Skandalpotential erschöpft ist, weil es zum normalen Selbstverständnis deutscher Lebensweisen gehört, dass hier und da mal wieder ein Flüchtlingsheim brennt oder irgendwo ein Migrant durch die Stadt gejagt wird.

Nur die Feinheiten beim Finden der richtigen Worte will man sich nicht nehmen lassen. So spricht der bisherige Verfassungsschutz Präsident den Deutschen aus der Seele, wenn er behauptet, Berichte über Hetzjagden seien reine Feindpropaganda. Damit ist nicht nur die eine Hetzjagd an dem einem Tag in der einen Stadt gemeint. Damit meinen die Deutschen alle Pogrome immer und überall.

Und was können wir dagegen tun? Das ist genau die Frage, die wir gerne mit denen, die hierzu Antworten suchen, besprechen möchten. Es kommt nicht darauf an, immer und immer wieder Rituale abzuspulen, die bei jedem Anlass wiederholt werden. Es kommt darauf an, die Pogrome und Morde zu verhindern oder wenigstens real zu erschweren, den Preis dafür in die Höhe zu treiben. Dazu gehört auch bei dem Schweigen und Desinteresse nicht mitzumachen, z.B. heute mit unserer Kundgebung hier.

Cafe Morgenland, 29. September 2018

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