Deutsche Rollenverteilung (29.09.2018)

Redebeitrag bei der OEZ-Kundgebung in München

Ich bin jetzt zweiundfünfzig Jahre alt. 1980, als der Anschlag auf das Oktoberfest stattfand, war ich vierzehn und lebte im bayerischen Oberland. Viel Ahnung hatte ich nicht. Aber ich wusste schon: es gab die Wehrsportgruppe Hoffmann, das waren Nazis, und irgendwie wollte niemand so richtig etwas dagegen tun. Es regte auch niemanden so richtig auf. Was die Menschen aufregte, war alles, was nach Kommunismus roch. Und dass die Juden schon wieder im Fernsehen zu sehen waren. Und dass man gegen sie nichts mehr sagen durfte. Darüber beklagte man sich. Wenn irgendwo auf jüdische Gräber Hakenkreuze aufgemalt wurden, wenn irgendwo ein Jude angegriffen wurde, wenn eine Synagoge beschmiert wurde, wenn mal wieder ein Politiker mit antisemitischen Sprüchen auf Stimmenfang ging: Da fragte keiner, warum überhaupt, und es klagte auch keiner. Da musste dann der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland her, um zu sagen, dass sich das nicht gehört. Und dann hiess es: schon wieder ein Jude im Fernsehen. Was regt der sich so auf, wir haben doch Wiedergutmachung gezahlt. Und unsere Vergangenheit bewältigt.

Alles, was nicht rechts war, war Ideologie. Und alles, was rechts war, hieß nicht rechts, sondern: unpolitisch. Wenn jemand nach den Nazis aus der Kleinstadt fragte, wo ich ins Gymnasium ging, war das auf jeden Fall ein Roter. „Geh doch rüber“, hiess es dann, und mit ein paar Bier mehr am Stammtisch: die muss man mal wieder richtig ausräuchern. Es hat mir nicht gefallen, aber mehr erstmal auch nicht.

Im Nachhinein weiss ich: das war die Vorschule in deutscher Rollenverteilung. Ausbuchstabiert: Rassismus ist unpolitisch, weil eine Selbstverständlichkeit. Antisemitismus ist unpolitisch, weil eine Selbstverständlichkeit. Wer das in Frage stellt, gehört nicht dazu. Ein Nestbeschmutzer, unzuverlässig, Intellektueller wahrscheinlich, keiner von uns. Dagegen bewaffnete Nazis sind harmlos. Sie tun den Unpolitischen ja nichts. Wenn Nazis dann morden, tun sie es nicht als Nazis, sondern als Einzeltäter. Da arbeiten alle zusammen: Der Verfassungsschutz, der lieber seine Quellen schützt als die Verfassung. Die Polizei, die in alle Richtungen ermittelt, nur nicht bei den Nazis, und gestoppt wird, falls sie das mal vergisst. Das Fernsehen und die Presse. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nach der Wiedervereinigung lernte ich die deutsche Rollenverteilung dann richtig kennen. In Rostock-Lichtenhagen brannte ein Wohnhaus, angezündet von Nazis, die Migranten töten und vertreiben wollten. Draussen stand das deutsche Volk. Die Polizei sah zu. Offensichtlich fand ja kein Verstoß gegen deutsches Recht und deutsche Ordnung statt. Das sagte auch der Innenminister, damals hiess er Rudi Seiters: Das Problem, laut Herrn Minister Seiters, waren die große Zahl der Migranten, nicht die Mörder und nicht der Mob. Die Mörder hatten vielleicht ein bisschen übertrieben, aber das war doch, so der Herr Minister und seinesgleichen, nur aus verständlicher Wut über die Anwesenheit von den „Ausländern“ in Deutschland geschehen. Der für Recht und Ordnung zuständige Minister bestätigte also, dass die Nazis das Problem richtig erkannt hätten. Der Bundeskanzler, damals hieß er Kohl, ließ den Innenminister gewähren. Aber um den Ruf Deutschlands in der Welt zu wahren, sagte er auch, dass man Brandstiftung und Gewalt nicht dulden würde. Eins, sind Nazi-Mörder keine Nazis, weil das schlecht für Deutschlands Ruf wäre. Zwei, sagt die Regierung, dass sie Nazi-Gewalt nicht duldet. Drei, geben Teile der Regierung den Nazis im Grunde recht. Vier, sorgen Verfassungsschutz und Polizei dafür, dass die Nazis auf freiem Fuss bleiben. Fünf, zählt das Töten von Migranten und Juden nicht als ernsthafter Verstoß gegen Recht und Ordnung. Sechs, schreit ein Teil der Medien und der Linken kurz mal auf und schaut dann weg. Sieben, ernennt sich eine schmuddelige Rechtspartei zur wahren Stimme des Volkes und fordert, jetzt müsse endlich massenhaft abgeschoben werden. Acht, sagen Stimmen aus Regierung und Opposition, man müsse schliesslich aufs Volk hören, das sei Demokratie. Neun, geben ihnen nachdenkliche Stimmen in den unabhängigen Medien recht. Zehn, werden die Gesetze verschärft und den Geflüchteten und anderen Migranten das Leben möglichst schwer gemacht. Das ist das Deutschland-Einmaleins. Und so geht Deutschland immer noch.

Es finden sich immer die, die Migranten und Juden angreifen und töten. Sie tun das in der Gewissheit, dass ihr Umfeld Migranten und Juden genauso hasst wie sie. Es findet sich das Umfeld, das sie darin bestätigt. Es findet sich das Umfeld des Umfelds, das dazu schweigt. Es findet sich die Rechtspartei, die meint, man müsse die Täter doch verstehen. Es finden sich prominente Mitglieder der Regierungsparteien, die der Rechtspartei recht geben. Es findet sich die Polizei, die in alle Richtungen ermittelt, aber lieber nicht bei den Nazis. Es finden sich die Vorgesetzten und Minister, die im Fall des Falles die Ermittler stoppen. Es finden sich die Gerichte, Psychologen und Medien, die sicher sind, die Nazis seien keine Nazis, sondern temporär verwirrte Einzeltäter. Es findet sich der Verfassungsschutz, der womöglich die Waffen liefert, bestimmt aber seine Quellen und damit die Mörder schützt anstatt der Opfer. Es findet sich der Innenminister, der Recht und Ordnung schreit und damit Abschiebung meint, und jedenfalls nicht den Schutz von Juden oder Migranten vor Mord und Terror. Es findet sich die Bundeskanzlerin, die ihn gewähren lässt, aber nach aussen behauptet, man werde alles für den Rechtsstaat tun. Es finden sich die Medien, denen das nicht unangenehm auffällt. Es finden sich die Medien, die Skandal schreien, Betroffene, die Kerzen anzünden und Bands, die Solikonzerte machen. Es finden sich die Linken, die kurz zucken, aber dann wieder auf die Suche nach dem nächsten revolutionären Subjekt gehen. Es findet sich die linke Partei, die meint, die Anhänger der Rechtspartei seien keine Nazis, sondern fehlgeleitete Klassenkämpfer. Es findet sich die Mehrheit, der alles das sowieso egal ist, weil sie ihre Sicherheit als Sicherheit vor Ausländern und Juden definiert, und ihr Recht als Recht, sich nicht um deren Leib und Leben zu kümmern, oder es ihnen sogar zu nehmen.

Genau wie jetzt in Chemnitz und mit der Personalie Maaßen. Der Verfassungsschutz-Präsident, der als Hauptfeind der Verfassung die Geflüchteten ausmachte. Nicht weil sie gegen Demokratie und Rechtsstaat sind, sondern weil sie keine Deutschen sind. Der öffentlich das bekannte Spiel spielte, erstens gab es keine Hetzjagd und zweitens haben die doch recht, die sich am Dasein der Geflüchteten stören. Der dafür noch befördert werden sollte, weil der SPD eben die Regierungsbeteiligung doch viel wichtiger ist, als alles andere. Der jetzt Sonderberater für Abschiebungen im Innenministerium werden soll. Der perfekte deutsche Kompromiss nach allen Regeln des Deutschland-Einmaleins zum Erhalt der deutschen Rollenverteilung.

Ich wohne inzwischen im Ausland und kann hier nicht viel ausrichten. Aber ich wünsche mir, dass das aufhört. Darum bin ich hier. Ich bin hergekommen, um auszusprechen, was viel zu oft verschwiegen wird: Dass die Morde Nazi-Morde sind. Dass die Nazis morden, weil sie sich der Unterstützung durch ihr Umfeld sicher sind. Dass die Polizei, die nicht ermittelt, die Verfassungschützer, die sie schützen, die Minister, die das Problem so sehen wie sie, und die Regierungschefs, die das erlauben, die Richter und Staatsanwälte und Psychologen und Rechtsanwälte und Medien, die nur Einzeltäter sehen, alle zusammengehören. Genauso wie die Stammtischredner und Starke-Mann-Wählerinnen und Parteispender und und und. Die feinen Leute wie die Grobiane, die Wutbürger wie die kalt Berechnenden: alle gehören sie zusammen. Wenn ich die Wahl hätte, ich würde sie unter Vormundschaft stellen. Von mir aus können sie auch psychologisch behandelt werden. Nur öffentlich sollen sie alle nichts mehr zu sagen und zu entscheiden haben. Ich halte mich nicht für etwas Besonderes, und darum möchte ich glauben, dass es anderen hier genauso geht wie mir. Ich wünsche mir, dass sie sich trauen, das gleiche zu sagen, damit das deutsche Theater ein Ende findet. Der Anfang ist, dass wir Nazis als Nazis für ihre Taten benennen und verantwortlich machen, und alle, die ihnen helfen ebenso. Es wäre ein erster Schritt, um zu verhindern, dass noch mehr Morde stattfinden. Den vergangenen Opfern können wir nicht mehr helfen. Sorgen wir dafür, dass es nicht noch mehr gibt.

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