Das Geschmeiß (19.11.2017)

„In der Nachgeburt der Schrecken sucht das Geschmeiß nach neuer Nahrung“

(Ingeborg Bachmann, „Die gestundete Zeit“ 1953).

Nach einer vorbildlichen Bewältigung ihrer Vergangenheit, haben sie seit einigen Jahren angefangen, die Vergangenheit anderer Länder zu bewältigen, oder denen zumindest beizubringen, wie man es richtig macht. Im Rahmen dieser Mission schickte vor einigen Monaten die deutsche Wochenzeitung „jungle world“ (jw), ihre Redakteure und Rechercheure nach Albanien, um den „rückschrittlichen” Albanern die zivilgesellschaftlichen Standards neudeutscher Prägung beizubringen. So entstand eine Reihe von Berichten (25 an der Zahl), die in der üblichen Kategorisierungs- und Katalogisierungsmanie der Linksdeutschen aufgebaut und sortiert wurden: Frauen, Enver Hoxha, Partisanen, Juden, Islam, Homophobie, Nationalismus, Sitten und Gebräuche und was sonst alles zur kritischen Landeskunde beitragen kann. Diese Plantage war über 45 Jahre lang für sie geschlossen. Mit dem scharfen Blick eines Kolonialherrn begeben sie sich auf eine Erlebnisreise zwischen Exotismus und Langeweile. Nun ist Albanien offen. Wenn auch die Frage, ob Tirana über Subkulturen verfügt die dem EU-Standard genügen oder ob die Redakteure bloß auf die falsche Party eingeladen wurden, bis zuletzt ein Mysterium bleibt.

Wenig zu rätseln dagegen lassen die historischen Tatsachen. Denn sie finden rasch einen sachkundigen Interpreten – ein Professor von der Universität Pittsburgh -, der ein wenig dabei hilft, das was an der Geschichte Albaniens einen Unterschied macht, in einem verallgemeinerbaren antikommunistischen Narrativ aufzulösen. Dafür braucht es wenig: eine albanische Herkunft und ein wenig Übung in der Handhabe der psychosozialen Tropen über irregeleitete Wünsche und unreife Völker, die jede Geschichte braucht um auch auf Deutsch verständlich zu sein. Klar, dass weder ehemalige Kommunisten noch Überlebende der deutschen Gräueltaten zu Wort kommen dürfen. Und so kann das story-telling unbekümmert losgehen:

Der „Partisanen-Mythos“

„Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, als der Bevölkerung bewusst wurde, dass Albanien nicht, wie ihnen von der Regierung jahrzehntelang vorgegaukelt wurde, der Himmel auf Erden, sondern vielmehr das am wenigsten entwickelte Land weit und breit ist, stellte sich eine Ernüchterung ein, die alle Narrative der Kommunisten, auch die von den Partisanen, in Frage stellte, und einem starken Gefühl der Minderwertigkeit und der Kränkung Platz machte.« Dieses Minderwertigkeitsgefühl, das Artan Hoxha zufolge in der albanischen Bevölkerung sehr stark ausgeprägt ist, führt dazu, dass rückblickend die Fähigkeit der als zurückgebliebene Bergbauern verspotteten Vorfahren angezweifelt wird, das Land überhaupt von den faschistischen Besatzern zu befreien. Damit würden die Erzählungen von den heldenhaften Partisanen endgültig in den Bereich der Märchen verwiesen.“ (jw, „ Zweierlei Erinnerung“ 14.09.2017)

Der antifaschistische Kampf der Partisanen als Märchenerzählung, ein kommunistisches Märchen eben, mit der passenden Psychologisierung und was sonst noch dazugehört um das linksdeutsche Unbehagen darüber zu besänftigen, dass in Deutschland der Widerstand gegen das Naziregime am geringsten in ganz Europa war. Die anderen sollen auch nicht besser dastehen. Und sie sollen es selber sagen. Linksdeutsch ist die Kunst der indirekten Rede, die sich zurückhält wenn Betroffene zur Beichte kommen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann bei der nächsten Artikelserie über die Gräueltaten der Partisanen an Wehrmachtsangehörigen und anderen Unbeteiligten ausführlich berichtet wird. Die Zeit wäre reif dafür. Ob der Partisanenkampf heldenhaft war oder nicht, ist hier nicht relevant. Relevant ist nur, dass es sich um eine Tatsache handelt: Über 10.000 bewaffnete Partisanen und über 20.000 Reservisten gehörten der nationalen Befreiungsbewegung an. Sie haben entscheidende Schläge gegen die Deutsche Soldateska herbeigeführt, sie haben die Wehrmacht aus dem Land verjagt und befreiten das Land aus eigener Kraft (ohne Zuhilfenahme der Alliierten) bereits am 29.11.1944, also ein halbes Jahr vor der Kapitulation Deutschlands. Dass die Kommunisten Albaniens eine entscheidende Rolle dabei gespielt haben, ist ebenfalls eine Tatsache, egal wie die Zeit danach bewertet wird.

An der Erzählweise der jw-Redaktion, die aus diesen Tatsachen ein gewöhnliches und austauschbares Beispiel der Geschichte gescheiterter europäischer Träumereien machen möchte, zeigt sich ihre Motivation: ordinärer Antikommunismus. Dieser wird im Wettbewerb zu ihrem Schwesterblatt, die „Frankfurter Rundschau“, gepflegt, die das Jubiläum der Oktoberrevolution zum Anlass nahm für eine neue Runde des unter deutschen Interpreten historischer Fakten beliebten Steckspiels, der Massenmordvergleich. „Ob Stalins Sowjetunion, Hitlers Deutschland oder das China Mao Zedongs den Rekord in Sachen Massenvernichtung halten, darüber wird gestritten“ (FR, „Die Utopie vom Massenmord“, 5.11.2017). Ja, man weiß es halt nicht so genau…

Doch es gibt noch ein weiteres albanische Märchen, dessen Verhältnis zum mitteleuropäischen Standard geklärt werden muss. Gelegentlich begegnet man der Erzählung von der besonderen Rolle Albaniens bei der Rettung der Juden, und zwar jener die dort bereits lebten sowie derer, die dort Zuflucht und Schutz vor der Vernichtung fanden – europaweit einmalig in Umfang und Grad der Aufopferung. An diesem Punkt wird etwas entdeckt, das sich die Albaner offenbar bei den Juden abgeguckt haben müssen: die Instrumentalisierung der Geschichte für ihre eigenen Zwecke der Nationenbildung und der Anbiederung an die EU. Die jw hebt den Schleier. Der albanische aber trotzdem moderne Historiker darf sprechen:

„Der Historiker Hoxha weist jedoch darauf hin, dass die Rückbesinnung auf die Rettung der Juden auch strategische und außenpolitische Gründe hat: »Seit Jahren bemüht sich Albanien um die Aufnahme in die EU. Mit Hilfe dieser Erzählung versucht man daher auch zu beweisen, dass die Albaner wahrhaftige und rechtmäßige Mitglieder der europäischen Gemeinschaft sind. Sie haben hierzu zwei Dinge zu bieten: erstens die religiöse Toleranz und zweitens die Tatsache, dass sie gewissermaßen die Fahne des Humanismus hochgehalten haben zu einer Zeit, als der Rest Europas dies nicht tat. « Dass Albanien das einzige europäische Land war, in dem am Ende des Zweiten Weltkriegs mehr Juden lebten als zu dessen Beginn, ist schon beinahe zu einem Slogan geworden, der von albanischen Historikern und Politikern gerne angeführt wird. Doch auch in der Gesellschaft erfüllt die Besinnung auf die Rettung der Juden eine Funktion. Dass es ausgerechnet ein vormoderner Verhaltenskodex war, der es den Albanern verbot, die Juden auszuliefern, biete angesichts des gegenwärtigen albanischen Minderwertigkeitsgefühls einen Trost, so Artan Hoxha. »Wir mögen vielleicht arm sein und unsere Werte rückschrittlich, doch genau diese Werte führten uns zu humanem Verhalten zu einer Zeit, in der das fortschrittliche Europa die Juden ermordete.«“ (jw, „Zweierlei Erinnerung“, 14.09.2017).

Einerlei Erinnerung

Das ist der Vorwurf, der gerne gegen Israel verwendet wird, der bekannte Vorwurf, die Shoah für eigene Zwecke zu funktionalisieren – i.d.R. für besonders perfide Zwecke, versteht sich. Die Albaner lernen bemerkenswert schnell für eine „rückständige“, mit „Minderwertigkeitsgefühlen“ behaftete Bevölkerung. Das Wort „Minderwertigkeit“ bzw. „Minderwertigkeitsgefühl“ wird im Beitrag übrigens gern betont (sorry: zitiert!), als sei es ein Höhepunkt ihrer Recherche. Das ist aber ein Wissen, das sich eine deutsche Reisegruppe auf den Weg in den Süden eigentlich nicht vorher an einer amerikanischen Hochschule abholen muss, heute so wenig wie damals.

Aber es kann uns allen helfen zu verstehen, warum die Albaner noch nicht gelernt haben, bei der Erinnerungspolitik das richtige Maß zu finden. In Deutschland beispielsweise hat man – nicht ohne Abstriche – gelernt, ein ausgewogenes Verhältnis in der Repräsentation der für die eigene Wertschätzung relevanten historischen Akteure im öffentlichen Raum zu erarbeiten. Regelmäßig werden beispielsweise am Volkstrauertag (dieses Jahr am 19. November) bescheiden und mehr oder weniger still viele tausende Denkmäler (über 100.000, siehe auch „von Amerika lernen“ , CM) für Nazis, Militaristen und allerlei andere in Stein gemeißelte Deutsche gepflegt, geblümt und geputzt. In Albanien dagegen ist es bei der Erinnerungspolitik wie mit dem Verkehr: kein ausgebautes Schienennetz, keine erkennbare Infrastruktur, die elaborierte deutsche Kategorisierung von zu eliminierenden Bevölkerungsgruppen greift nicht und überall sieht man nur noch Partisanen. So sind „bis heute überall Denkmäler und Monumente der Partisanenverehrung zu finden. Ein von der albanischen Regierung gesponsertes Forschungsprojekt aus dem Jahr 2014 erfasste 657 Denkmäler, die an den Partisanenkrieg in Albanien erinnern“.

So bemerkt die jw-Redaktion eine ungenügende Würdigung der Rettung der Juden, die bekanntlich dankt der albanische Bevölkerung vor der Vernichtung durch die Deutschen gerettet werden konnten, ohne einen Widerspruch zur erwähnten „Instrumentalisierung“-These zu erkennen:

„Ob die Erinnerung an die Judenrettung in der Zukunft in Albanien jedoch eine ähnliche Wirkung entfalten wird wie vormals der Mythos der Partisanen, bleibt zu bezweifeln. Im Nationalmuseum erinnert bislang nur eine kleine, nachträglich angebrachte Tafel an dieses Kapitel der albanischen Geschichte“.

Wenn diese drolligen, noch nicht ganz auf der erinnerungspolitischen Höhe der jw sich befindenden Albaner ihre edlen Taten hervorheben, schreien sie „Instrumentalisierung“! Tun sie es aber nicht, stehen Nachhilfestunden an, zumindest bis sie gelernt haben, die Juden unter ihnen zu erkennen. Die zu Recht seitens der Skipetaren betonte Tatsache, dass gerade ihre sogenannte „rückschrittliche“ soziale Struktur und Lebensweise sich als das humanste in ganz Europa erwies, wird als Zweckdienlichkeit abgetan. Wir wären froh, wenn ganz Europa den Rückständigkeitsgrad Albaniens gehabt hätte. Wahrscheinlich hätten wesentlich mehr Juden überlebt!

Empfehlungen

Linksdeutsche sollten, wenn sie aus dem Ausland berichten (und der von uns bevorzugte Vorschlag, einfach den Mund zu halten, nicht realisierbar ist) folgendes tun:

a) sich erkundigen, wo, in welcher Gegend des besuchten Landes, die Opa-Generation ihrem Nationalsport (Massaker) nachgingen; b) diese Orte besuchen, mit Überlebenden oder deren Angehörigen reden …und c) im Rahmen ihrer Kapazitäten: zuhören.

Solche Orte dürften leichter zu finden sein als Partisanen-Denkmäler in Albanien, oder einen Professor albanischer Herkunft an der Universität von Pittsburgh.

Für eine Reise nach Albanien z.B., empfehlen wir einen Besuch in dem Ort, der als das „Lidice Albaniens“ bezeichnet wird, das Dorf Borova und das Nachbardorf Barmash, auch wenn diese Orte in den sonst so detaillierten und ausführlichen Berichten der Albanien-Urlaubsausgabe der jw, in der sogar von der faszinierende Vielfalt des dortigen Raki-Angebots ihren Platz findet – keine einzige Erwähnung fanden. Keine einzige.

Hilfsweise eine kurze Einführung:

Auf ihrer Fahrt von Korça nach Westen durch den Süden Albaniens wurde am 6. Juli 1943 die 1. Gebirgs-Division der Wehrmacht südlich von Borova am Barmash-Pass von lokalen albanischen Partisanen unter Führung von Riza Kodheli angegriffen.
Noch am Nachmittag des gleichen Tages verübten die Deutschen Vergeltung: Sie zogen mit Flammenwerfern durch Borova und verübten ein Massaker unter der Zivilbevölkerung. Die Dorfbewohner sollen die Partisanen unterstützt haben. Sämtliche 100 Gebäude der Ortschaft – Wohnhäuser, Speicher, Kirchen – wurden den Erdboden gleich gemacht. 107 Zivilisten sind bei diesem Verbrechen der Wehrmacht in Albanien getötet worden – darunter vor allem Kinder, Frauen und Ältere. 47 Opfer waren jünger als 20 Jahre, 23 über 60 Jahre alt. Das jüngste Opfer war nur vier Monate alt, die älteste Getötete 73 Jahre. Später griffen sie auch das Dorf Barmash, 8 km von Borova entfernt und töteten 18 weitere Bewohner. (u.a. aus wikipedia)

Epilog

Die Berichterstattung in linken Magazinen in Deutschland hat nun das landeskundlich-touristische Niveau erreicht, auf das inzwischen Generationen von Historikern, Vergleichern und Relativierern jahrzehntelang hingearbeitet haben. Niemand nimmt Notiz davon, wer was auskotzt, wo, wann und was damals geschah oder dass es falsch sein könnte, die erfolgreichen antifaschistischen Kämpferinnen gegen das deutsche Vernichtungsprojekt über die Form und den richtigen Gebrauch Ihrer Erinnerung belehren zu wollen.

 
Die Gedenkstätte des Massakers von Borova

Café Morgenland, 19.11.2017

1. Geschmeiß = ekelerregendes Ungeziefer und dessen Brut (laut Duden)

2. https://jungle.world/tags/albanien?page=0

3. Die 1. Gebirgs-Division war ein Großverband des Heeres der deutschen Wehrmacht. Sie wurde im Laufe des Zweiten Weltkrieges im Polenfeldzug, Westfeldzug, in Griechenland, im Krieg gegen die Sowjetunion und ab 1943 zum Partisanenkampf erneut auf dem Balkan eingesetzt. Die Division wurde auch Edelweiß-Division und von Adolf Hitler als „seine Garde-Division“ bezeichnet und war an Kriegsverbrechen wie dem Massaker auf Kefalonia (1943) beteiligt.

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